Von Tür zu Tür in vier Stunden – europaweit

Das vom Forschungsinstitut Bauhaus Luftfahrt entwickelte Konzept „CentAirStation“ verlegt die Flughäfen zurück in die Innenstädte. Dank vertikaler Infrastruktur könnten Passagiere vom Hauptbahnhof direkt zum Abfluggate umsteigen – in neuartige, „CityBirds“ genannte Flugzeuge.

Mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof und dann nicht in den ICE, sondern gleich ins Flugzeug umsteigen: Dieses Konzept hat die gemeinnützige Forschungseinrichtung Bauhaus Luftfahrt jetzt vorgestellt. Die 25 Wissenschaftler vom Bauhaus Luftfahrt sowie zwölf Studenten der Glasgow School of Art orientierten sich dabei an dem EU-Projekt „Flightpath 2050“, das den Luftverkehr zukunftsfähig machen soll. Ziele von Flightpath 2050 sind sowohl eine massive Lärm- und CO2-Reduktion als auch die Maßgabe, dass 90 Prozent der Reisenden innerhalb Europas höchstens vier Stunden von Tür zu Tür benötigen.

Prinzip Flugzeugträger: Vorfeld und Startbahn auf zwei Ebenen

Dies setzt voraus, dass die Passagiere ihren Flug ohne große Zeitverzögerung durch mehrmaliges Umsteigen erreichen. Dazu hat Bauhaus Luftfahrt ein neuartiges Flughafenkonzept entwickelt: Der Flughafen wird auf den Bahnhof draufgesetzt. Statt die üblichen weiten Wege zum Gate zurücklegen zu müssen, erfolgt der Zugang vertikal über Rolltreppen und Aufzüge. Die Sicherheitskontrollen werden am jeweiligen Gate durchgeführt. „Das Konzept sieht hier neue Technologien vor, die eine Sicherheitsüberprüfung in der Bewegung möglich machen“, erklärt Prof. Dr. Mirko Hornung, Vorstand Wissenschaft und Technik. „Auf dedizierten Zugängen zum Sicherheitsbereich würden diese Überprüfung parallel zur Bewegung stattfinden, mit ausgewiesenen Bereichen, wo man gezielt punktuelle Überprüfungen durchführen könnte.“ Dadurch sollen die Passagiere vom Zug zum Flugzeug nur 15 Minuten lang unterwegs sein, vom Flugzeug bis zum Bahnsteig sogar nur zehn Minuten.

Die CentAirStation besteht aus insgesamt vier Ebenen: ganz unten der Bahnhof, darüber das Flughafen-Empfangsgebäude, von dort erfolgt der Übergang zu den Gates und der Vorfeldebene. Den Abschluss bildet die Abflugebene.

Der Flughafen ist somit ähnlich wie ein Flugzeugträger konzipiert: Von der Vorfeldebene werden die Flugzeuge mit einem Liftsystem auf die darüber liegende Startbahnebene gehoben. Der Start kann mit Katapultunterstützung erfolgen, für die Landung gibt es ein Sicherheitsfangseil.

 

Zweimotorige Citybirds für 60 Passagiere

Für dieses Konzept werden somit auch neuartige Flugzeuge benötigt, die in der Studie „Citybirds“ heißen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie in besonders steilem Winkel landen und starten können, so dass die Startbahnlänge lediglich 640 Meter beträgt. Die Flugzeuge sind konzipiert mit zwei Heckmotoren und können etwa 60 Passagiere befördern. Die Reichweite liegt bei rund 1500 nautischen Meilen (ca. 2700 km). Der Verbrauch soll bei 1,7 Liter Treibstoff je 100 Passagierkilometer liegen. Neben fortschrittlichen Getriebefans mit deutlich niedrigeren Emissionen und Lärmentwicklung wären auch (hybrid-)elektrische Antriebe vorstellbar.

Die CentAirStations könnten überall dort platziert werden, wo geeignete Gleisanlagen überbaut werden könnten. Daraus ergeben sich die Gebäudemaße von rund 650 Meter Länge und 90 Meter Breite. Bauhaus Luftfahrt hat weltweit rund 100 solcher potenziellen Standorte identifiziert.

Die CentAirStations bieten Platz für 15 Flugzeuge auf der Vorfeldebene, 22 Nachtstellplätze auf dem Taxiway der Vorfeldebene plus jeweils vier Reservestellplätze an deren Enden, insgesamt also acht. Jährlich könnten pro CentAirStation 10,5 Millionen Passagiere abgefertigt werden. Mit dem Konzept sollen keine bestehenden Flughäfen ersetzt werden, sondern es werden neue beziehungsweise zusätzliche Direktverbindungen „City to City“ geschaffen.

Luftverkehr verdreifacht sich bis 2050

Hintergrund ist die prognostizierte Zunahme des Luftverkehrs von jährlich 4,7 Prozent weltweit. Das Flugaufkommen würde sich somit bis zum Jahr 2040 gegenüber heute verdreifachen. Flightpath2050 untersucht dabei Möglichkeiten zur nachhaltigen Entwicklung des Luftverkehrs. Unter anderem sollen bei den Emissionen 75 % CO2, 90% NOx und 65 % der Lärmemissionen gegenüber heute eingespart werden.

Das Bauhaus Luftfahrt befasst sich mit dieser langfristigen Entwicklung und stellt dabei Überlegungen an wie „welche neuen Technologien stehen zur Verfügung?“ und „wie reisen wir 2050?“. Neue Antriebstechnologien für Flugzeuge werden dazu ebenso erforscht wie neue Infrastrukturen – eben wie im Konzept „CentAirStation“ und „CityBird“ abgebildet. „Unser Ziel ist, es neue Konzepte zu identifizieren, die das Potenzial haben, den Luftverkehr grundlegend zu ändern“, sagt Prof. Mirko Hornung. Da die wesentlichen Technologien für dieses Konzept heute schon verfügbar sind, könnte die Umsetzung im Zeitraum 2035-2040 erfolgen. So viel Vorlauf ist nötig, um das Luftverkehrsmanagement und die entsprechenden Verfahren anzupassen. Nicht zuletzt müssen auch andere Betroffene, ob Bahnunternehmen oder Bürger, mit einbezogen werden.

Text: Corinna Panek
Bilder: Bauhaus Luftfahrt

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Flightpath 2050