Touchscreen-Cockpit-Displays – Fliegen mit einem Fingertipp

Vereinfachte Bedienung, flüssigere Abläufe und intuitivere Kommunikation – im Auftrag von Airbus fertigte der französische Technologie-Konzern Thales integrierte Touchscreens für das Cockpit des Langstreckenflugzeugs A350 XWB. Im November 2019 von der Flugsicherheitsbehörde der Europäischen Union (EASA) zertifiziert, lieferte Airbus im Dezember die erste Maschine mit dieser Konfiguration an China Eastern Airlines aus. 17 Fluggesellschaften wählten bisher diese Option, sieben fliegen sie bereits.
Eine dreiviertel Stunde bis 30 Minuten vor der Landung haben Flugkapitän und Co-Pilot alle Hände voll zu tun. Zur Anflugvorbereitung checken sie das Wetter, die Anflugroute, das Gate, das ihnen zugewiesen ist, den Rollweg dorthin und Besonderheiten, die zu beachten sind. „Allein auf dem Frankfurter Flughafen gibt es dutzende Anflugverfahren“, sagt Thomas Wilhelm, Airbus-Chef-Testpilot in Toulouse. Für jedes einzelne sind entsprechende Karten und Prozeduren in den digitalisierten Flugunterlagen, dem Electronic Flight Bag (EFB), hinterlegt. „Durch die neuen Touchscreens im Cockpit des A350 XWB kann ich mit nur einem Fingertipp statt vieler Cursorbewegungen beispielsweise von der Anflug- auf die Rollkarte wechseln.“

Bei der neuen Cockpitausstattung lassen sich die drei Monitore, auf denen die EFB-Anwendungen dargestellt werden, auf Touchscreen-Funktion umstellen. Von den insgesamt sechs großen Monitoren sind dies die beiden äußeren und der zwischen den Piloten. Touchscreens sind eine optional wählbare Anwendung zusätzlich zur Tastatur im ausziehbaren Tisch vor dem Piloten und der Trackball-Tastatur-Cursor-Steuereinheit in der Mittelkonsole. Während der arbeitsintensiven Phasen vor dem Start, während des Überflugs verschiedener Sektoren und im Landeanflug sollen sie die Arbeit der Piloten erleichtern.

Im vergangenen Dezember lieferte Airbus den ersten A350 XWB mit Touchscreen-Cockpit-Displays an China Eastern Airlines aus. Einen Monat zuvor zertifizierte die Flugsicherheitsbehörde der Europäischen Union (EASA) die gemeinsame Entwicklung mit dem französischen Technologie-Konzern Thales. Der 15-Zoll-Bildschirm ist der erste dieses Typs, der für den Einsatz an Bord von Verkehrsflugzeugen zugelassen ist. Anforderungen an Cockpit-Displays sind hoch: Sie dürfen kaum reflektieren, müssen in dichten elektromagnetischen Umgebungen arbeiten, hohen Vibrationen standhalten und diese Eigenschaften während des gesamten Produktlebenszyklus beibehalten. Die Features funktionieren wie bei Tablet und Smartphone: mit zwei Fingern zoomen, wischen und die Ansicht schwenken.

„Mit der Entwicklung in der Computertechnik, der leichten Bedienbarkeit von Tablet oder Smartphone, sind auch die Erwartung an die Luftfahrt gestiegen. Die Touchscreens vereinfachen den Arbeitsablauf und reduzieren so die Arbeitsbelastung.“

Thomas Wilhelm, Airbus Chef-Testpilot in Toulouse

„Durch den Touchscreen kann ich auf dem äußeren Bildschirm mit der einen Hand Informationen aufrufen und mit der anderen auf dem inneren Bildschirm Daten eingeben“, sagt Testpilot Wilhelm. „Die Cursor-Steuereinheit ermöglicht nur, auf einem Bildschirm zu arbeiten. Befinde ich mich also auf dem inneren Display und will etwas im EFB eintragen, muss ich den Bildschirm erst mit mehreren Cursor-Bewegungen wechseln, um auf dem äußeren Monitor weiterarbeiten zu können.“

Erst kürzlich hat er die Touchscreen-Anwendungen persönlich erprobt. Ende März flog er eine Kundenmaschine von Hamburg nach Toulouse. Wenig später startete er zu einem zwölfstündigen Entwicklungsflug mit dem Prototyp der A350-1000 über Kanada nach Toulouse. Sein Fazit: „Die Touchscreens vereinfachen den Arbeitsablauf und reduzieren so die Arbeitsbelastung.“

Gerade auf Langstreckenflügen zeigen sich die Vorteile der Touchscreen-Anwendung deutlich: „Ein Flug von Deutschland nach Frankreich ist noch relativ unkompliziert, da mit Eurocontrol nur eine einzige Flugsicherheitsbehörde im Spiel ist. Auf einem Flug beispielsweise über Russland nach China sind verschiedene Flugverkehrskontrollstellen involviert. Sie kommunizieren auf unterschiedlichen Frequenzen. Es gelten immer andere Limitierungen. Bei den einen muss ich mich zehn Minuten vor Eintritt in den Luftraum melden, bei anderen eine halbe Stunde. Kann ich mir mit dem Finger relativ schnell die entsprechenden Informationen im EFB aufrufen, ist der Arbeitsfluss wesentlich einfacher und schneller, als mit dem Cursor.“

Ein großes Plus für die Kommunikation zwischen den Piloten bietet für Wilhelm der Touchscreen in der Mittelkonsole: „Schauen beide Piloten auf die gemeinsame Karte zwischen ihnen und können beide mit dem Finger zoomen, um eine Information zu verdeutlichen, kommunizieren sie wesentlich intuitiver, schneller und vermeiden Missverständnisse.“

Seine Bedenken, die Touchscreens bei Turbulenzen nicht mit den notwendigen feinen Bewegungen bedienen zu können, haben sich auf seinem Kanada-Flug zerstreut. Der Touchscreen auf der Mittelkonsole ist nahezu flach eingebaut. Auf ihm kann er die Finger entspannt positionieren. „Letztlich kann ich jederzeit wieder zum Cursor wechseln.“

Die neuen Touchscreens haben nicht nur den Testpiloten überzeugt. Neben China Eastern gehören British Airways, Air France, Scandinavian Airlines, Aeroflot, China Southern Airlines und Finnair zu den ersten Betreibern einer A350 XWB mit Touchscreen-Cockpit-Displays, zehn weitere Fluggesellschaften haben die neue Option bisher bestellt.

Text: Marion Frahm
Fotos: Airbus, H. Goussé / master films
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