„Wir tracken die Ursachen für jede Minute Verspätung.“

Die komplett digitale Spedition FreightHub will globalen Kunden die jeweils optimale Speditionsdienstleistung bieten – ob über die Straße, über den Seeweg oder per Luftfracht. Über eine zentrale Plattform können die Kunden unter anderem Angebote einholen, Transporte buchen, Dokumente managen, ihre Fracht tracken und Daten zur Supply Chain analysieren. Erik Muttersbach, Co-Founder und CTO, berichtet von der Vision und den nächsten Zielen des stark wachsenden Start-ups, das jüngst seine Serie-B-Finanzierung in Höhe von 30 Millionen US-Dollar abgeschlossen hat.
Dr. Michael Ardelt, Michael Wax, Erik Muttersbach und Ferry Heilemann (v. l.)
Was macht FreightHub grundlegend anders als andere Akteure der Branche?
Wir sind eine der ersten und sicherlich die bekannteste digitale internationale Spedition. Was uns beispielsweise vom amerikanischen Flexport unterscheidet ist unser starker Technologie-Fokus, der uns ermöglicht, Prozesse von Grund auf ganz anders zu designen und auch zu digitalisieren. Verglichen mit einem klassischen Spediteur sind wir eine äußerst kundenorientierte Organisation, die sehr modern und auf Einfachheit ausgerichtet ist.
Im Frühjahr 2019 konnte FreightHub seine Serie-B-Finanzierung abschließen. Wie überzeugen Sie Investoren?
Die Key Points sind, dass wir in der Vergangenheit zeigen konnten, dass wir durch unsere Plattform, unseren Service und unsere Technologie sowie auch durch die Operative und die Dienstleistungen, die wir an unsere Kunden abliefern, eine sehr hohe Kundenzufriedenheit erreichen konnten. Pro Quartal haben wir bei unseren Auftraggebern eine Fluktuation von nur rund zwei Prozent – das ist eine sehr geringe Zahl, manche Speditionen liegen bei 50 Prozent. Wir zeigen also, dass Digitalisierung Kunden überzeugen kann. Zweitens können wir intern und extrem effizient arbeiten und brauchen viel weniger Operative als ein klassischer Spediteur. Beides zusammen bedeutet für einen Investor, dass FreightHub in den kommenden fünf Jahren die profitabelste Spedition am Markt werden kann, mit entsprechend deutlich höherem EBIT. Wir haben unsere Umsätze in den letzten Jahren immer stark vervielfachen können, das ist eine wichtige Kennzahl. Und zu guter Letzt sind wir ein sehr komplementäres Team, das in allen Bereichen – Operations, Technologie und Vertrieb – sehr gut aufgestellt ist.
An welchen Zielen arbeiten Sie im Bereich Luftfracht?
Hier arbeiten wir derzeit vor allem daran, die Visibilität der Fracht auf unserer Plattform zu verbessern. Damit können die Kunden beispielsweise planen, wann Mitarbeiter am Wareneingang bereitstehen müssen, um die Ware auszupacken. Langfristig ist eines der größten Themen, dass wir unseren Kunden auf Basis der Daten, die wir sammeln, automatisierte Verbesserungsvorschläge geben wollen. Wir erfassen unter anderem die Gründe für jede Verspätung und jeden finanziellen Mehraufwand. Wirklich zu jeder Minute Verspätung und zu jeder Euro-Cent-Abweichung tracken wir genau, wie es dazu kam und wie sich das auf die finale Lieferzeit sowie Rechnung ausgewirkt hat. Damit bekommen wir ein sehr genaues Bild davon, was in der Supply Chain des Kunden passiert und können nach einiger Zeit der Zusammenarbeit Verbesserungsvorschläge anbieten. Im Idealfall reduziert das Kosten oder erhöht die Performance.
FreightHub ist eine digitale Spedition, Sie und Ihre Mitgründer sind aber keine Spediteure. Wie gut funktioniert das?
Die Perspektive, die wir als Branchenfremde beim Einstieg in diese relativ komplexe B2B-Industrie hatten, und auch die Art und Weise, wie wir Kundenbedürfnisse interpretiert haben, hat uns geholfen, sehr innovativ zu sein. Sie hat aber durchaus auch einige Probleme erzeugt, die wir dann lösen mussten, indem wir uns stärker eingearbeitet haben. Das alles hat aber dazu geführt, dass wir inzwischen die neue Welt und auch die klassische Speditionswelt sehr gut verstehen.
Was reizt Sie als Team an der Logistik?
Als Informatiker freut es mich persönlich extrem, wenn man mit virtuellen Dingen einen Mehrwert in der Welt erreichen kann. Ich glaube, wir können behaupten: Wir machen globalen Handel einfacher. Wir helfen beispielsweise auch vielen kleinen Verkäufern, E-Commerce zu betreiben – etwa Leuten, die im Brasilienurlaub Yogamatten entdeckt haben und diese mit uns importieren. Man kann sagen, das führt zu einer Art Demokratisierung von Global Trade und zu einem gesamtvolkswirtschaftlichen Mehrwert.
Mehr Handel bedeutet auch mehr CO2-Ausstoß. Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit für FreightHub?
Das Thema liegt uns sehr am Herzen. Wir sind alle jung, die letzten vier Jahre waren die heißesten der vergangenen Geschichte – also: The Time is Now. Unsere gesamte Firma arbeitet CO2-neutral. Wir haben beispielsweise im Büro Wasserspender, wir fahren möglichst alle mit der Bahn und wenn wir Essen bestellen, dann immer vegetarisch. Wir helfen außerdem unseren Kunden, die Auslastung ihrer Container zu optimieren. Davon profitieren sie doppelt, da sie auch Transportkosten sparen. In Zukunft werden wir auch den CO2-Ausstoß und weitere Kenndaten für nachhaltige Transporte auf unserer Plattform anzeigen – das wird aber leider von den Kunden bisher noch nicht in der breiten Masse nachgefragt.
Mit welcher Vision sind Sie bei der Gründung angetreten – und wie hat sich diese bis heute verändert?
Trotz vieler Umwege ist unsere Vision nach jetzt fast drei Jahren Firmengeschichte immer noch dieselbe: Wir wollen diese Industrie deutlich einfacher gestalten. Logistik treibt den wirtschaftlichen Erfolg in Deutschland stark an, aber sie ist noch unfassbar analog und intransparent. Jährlich werden 130 Millionen Container bewegt und für jeden dieser Container werden 30 bis 50 E-Mails geschrieben. Für jeden Container, der von Shanghai nach Hamburg fliegt, wird zusätzlich noch ein Blatt Papier transportiert. Bei uns muss kein Kunde E-Mails schreiben, er muss nicht mal anrufen – das läuft alles automatisch und deutlich transparenter. Er weiß immer, wo seine Ware ist, kann seine Supply Chain deutlich besser planen und ihr Design im täglichen Umgang damit verbessern sowie mit Hilfe konkreter Daten bessere Entscheidungen treffen.
Das bedeutet viele Vorteile für die Kunden, aber sind diese auch zu Veränderung bereit?
Ich glaube, in Europa haben wir eine ganz tolle marktdemokratische Grundausrichtung, sehr viel Geld im Markt, zahlreiche smarte Menschen und gute Unternehmen. Aber wir sind nicht offen genug gegenüber Innovation und Digitalisierung. Das müssen wir ändern – auch in der Logistik. Unsere größte Herausforderung als Start-up liegt im Mindset der Partner. Vielen Marktteilnehmern fehlt das Bewusstsein, welche Möglichkeiten wir mit Digitalisierung und Transparenz haben, sowohl Kunden als auch Partnern – zum Beispiel Airlines, Frachtabwicklern am Hafen oder an den Luftfracht-Terminals. Als digitale Spedition treffen wir auf die Trucker, die sagen: ‚Das ist mir zu kompliziert, mit euch zusammen zu arbeiten. ’ und die Reeder, die ihr ‚People’s Business’ erhalten wollen. Die Luftfracht ist hier in puncto Digitalisierung auf jeden Fall voraus. Wir sind heute an einem Punkt, wo in der Luftfracht rund 30 Prozent aller Geschäftsprozesse schon digital abgebildet sind. Das bedeutet, dass man eine ganze Menge Zeit spart: Ich muss etwa keine Rücksicht auf Zeitzonen nehmen, sondern die Maschine arbeitet automatisch, und alle Prozesse funktionieren ein bisschen einfacher und schneller – das ermöglicht eine höhere Qualität bei geringeren Kosten. Die restlichen 70 Prozent fehlen noch.
Welche Kunden haben Sie zuerst erreicht?
Das waren besonders die klassischen Early Adopter, die vielleicht eine Apple Watch am Arm tragen. Denen war klar, dass es mit Papierzetteln und Fax auf Dauer nicht weitergehen kann. Darunter sind beispielsweise Unternehmer, die als Amazon-Marketplace-Verkäufer ohnehin schon sehr digital denken. Mit der Zeit haben wir uns hochgearbeitet zu den klassischen Kunden, die einem dann auch Vertrauen schenken, wenn man zeigen kann, dass man schon drei Jahre erfolgreich Container bewegt und dabei jedes Jahr das Volumen deutlich vervielfacht hat. Heute arbeiten wir zum Beispiel für namhafte Marken wie Home24 oder Miele.
Mit welchen Argumenten überzeugen Sie Zweifler?
Alle Kunden sagen zu uns, dass sie sich verbessern wollen. Sie wollen ihre Ware zuverlässiger, pünktlicher liefern und mehr Planbarkeit erreichen. Aber solange man einen analogen Prozess hat, kann man lediglich die Höhe des Papierstapels messen, den man ausdruckt. Und Prozesse verbessern kann man nur, wenn man sie wirklich digital abbildet und Daten gewinnt – dann sieht man die Probleme und kann sie lösen.
Wie finden Sie als Unternehmen die passenden Mitarbeiter – die dieses Mindset ja auch brauchen?
Wir achten in Bewerbungsgesprächen sehr stark darauf, dass die Leute offen gegenüber neuen Themen sind. Es müssen nicht unbedingt Informatiker sein – auch Leute aus Speditionen, die den Stallgeruch der Logistik mitbringen, sind spannend für uns. Gerade die Symbiose aus Menschen mit verschiedenem Hintergrund macht ein gutes Team aus. Man könnte sagen: Bei uns trifft Berliner Digitalkompetenz auf Hamburger Logistik-Exzellenz – kombiniert mit einer Firmenkultur, in der jeder Fragen stellen und alles hinterfragt werden darf.
Alles in Frage zu stellen macht vielen etablierten Playern der Branche Angst. Haben Sie die selbst auch manchmal?
Tatsächlich sind auch wir zunehmend damit konfrontiert, dass wir einerseits gut funktionierende Einnahmequellen haben und gute Kundenbeziehungen, aber andererseits auch nicht stehen bleiben dürfen. Wir müssen uns beispielsweise fragen, ob wir die Produkte, die wir heute verkaufen, nicht noch fünfmal transparenter machen können. Aber das umzusetzen kann bedeuten, sich anfangs ins eigene Fleisch zu schneiden – während unsere Investoren Wachstum erwarten. Wenn wir auch nur ein kleines Stück von unserem Weg abweichen und vielleicht einen Umweg nehmen, ist der ein Risiko. Hier haben wir also auf einer kleinen Skala die gleiche Problemstellung wie ein großes Unternehmen, für das eine Umstellung zum Beispiel bedeutet, dass eine Business Unit erst mal einen Umsatzverlust macht oder auch, dass Mitarbeiter damit nicht klarkommen und gehen. Nichtsdestotrotz müssen wir uns zwingend immer weiter entwickeln.

„FreightHub hat das Zeug dazu, in die Top Fünf der in Zukunft börsennotierten Logistikunternehmen zu kommen.“

Das funktioniert wahrscheinlich vor allem nach dem Motto „Nicht zögern, sondern machen“?
Ganz genau. Meines Erachtens nach sollte man lieber mal eine falsche Entscheidung treffen, aber man sollte sie schnell treffen und somit bald herausfinden, ob es funktioniert. Dann muss man sich nur regelmäßig besinnen und prüfen, ob man noch auf dem richtigen Weg ist. Das alles sollte im Idealfall möglichst unpolitisch passieren.
Wie lange wollen Sie als Team FreightHub selbst weiterführen?
Das werden wir häufig gefragt. Aber ich denke, wenn wir darauf aus gewesen wären, FreightHub möglichst bald zu verkaufen und schnell viel Geld zu verdienen, hätten wir wahrscheinlich eher Schuhe im Internet verkauft. Das wäre unter Umständen einfacher gewesen. Das wollen wir nicht. Das Unternehmen ist unser aller Leidenschaft und wir bauen es auf, um langfristig damit erfolgreich zu sein. Wir wünschen uns, FreightHub irgendwann an die Börse bringen zu können, und ich bin mir sicher, dass wir das Zeug dazu haben, mal zu den Top Fünf der in Zukunft börsennotierten Logistikunternehmen zu zählen. Das ist unser ganz klares Ziel.
Text von Juliane Gringer
Fotos: FreightHub, StockSnap via Pixabay