Internet aus dem Weltall

Konnektivität für jeden und überall auf der Welt versprechen Tausende neue Internet-Satelliten, die in den kommenden Jahren in den Weltraum geschossen werden sollen. Die damit verbundene Renaissance der Raumfahrt birgt jedoch auch Gefahren.
Es herrscht wieder Hochbetrieb am Weltraumbahnhof Cap Canaveral. Hier, an Floridas Ostküste, erlebt die Raumfahrt zum 50. Jahrestag der ersten Mondlandung ein erstaunliches Comeback. Spätestens nachdem die amerikanische National Aeronautics and Space Administration, kurz NASA, 2011 fast alle ihre Weltraumprojekte eingemottet hatte, verwaiste das Sumpfgebiet – Medien sprachen bereits vom Friedhof der amerikanischen Weltraumträume. Schon 1972 endeten hier die Apollo-Missionen. Zwar brachte der Beginn des Space-Shuttle-Programms ab 1981 für einen neuen Aufschwung, doch mit der Landung der Raumfähre „Atlantis“ am 21. Juli 2011 ging auch diese Ära zu Ende.

Nun sorgen vor allem private Konzerne für Leben auf dem geschichtsträchtigen Gelände: Dazu zählen vor allem SpaceX, das Weltraumunternehmen des ehrgeizigen Tesla-Mitgründers Elon Musk, und Blue Origin. Dahinter steckt mit Amazon-Chef Jeff Bezos eine ebenso schillernde Persönlichkeit. Mittlerweile gilt der Weltraumbahnhof Cap Canaveral wieder als der geschäftigste der Welt.

Im Mittelpunkt der Aktivitäten steht, was für eine Symbolik, ausgerechnet die alte Startrampe 39A: Hier begann am 16. Juli 1969 die erste erfolgreiche Weltraummission, die Menschen auf den Mond brachte. Allerdings nahm von hier aus auch die Katastrophe des „Challenger“-Shuttles ihren Lauf. Die wiederverwendbare Raumfähre zerbrach im Januar 1986 kurz nach ihrem Start und stürzte aus 15 Kilometern Höhe zurück auf die Erde, alle sieben Astronauten an Bord kamen ums Leben.

Heute ist der Launch Complex 39A, wie ihn die NASA offiziell bezeichnet, für Elon Musk und sein SpaceX-Projekt reserviert. Jüngster Höhepunkt: Eine Rakete vom Typ „Falcon 9“ katapultierte Ende Mai 2019 gleich 60 Satelliten auf einmal ins Weltall. Nach einer Stunde Flugzeit wurden sie in der für Satelliten relativ niedrigen Höhe von 450 Kilometern ausgesetzt, um von hier aus mit eigener Schubkraft ihre jeweiligen Endpositionen nochmals rund 100 Kilometer höher einzunehmen.

Das Ziel der Mission: SpaceX möchte in den kommenden Jahren mit dem ehrgeizigen Projekt „Starlink“ ein Netzwerk aus Satelliten im Weltraum positionieren, um an jedem Punkt der Erde eine schnelle Internetverbindung anzubieten. Nur aus dem All lassen sich auch die entlegensten Gebiete, beispielsweise in den Wüsten Afrikas oder auf den Weiten der Ozeane, zuverlässig und relativ kostengünstig ans World Wide Web anschließen.

Zwar legte die „Falcon“-Rakete einen Bilderbuchflug hin, doch schon wenige Wochen nach dem Start des Projektes musste SpaceX mitteilen, dass die Verbindung zu drei Satelliten komplett abgerissen ist, sie werden wohl in absehbarer Zeit in der Atmosphäre verglühen. Mit fünf weiteren Satelliten gebe es Probleme bei der Positionierung, die jedoch vom Boden aus gelöst werden sollten. Zwei Satelliten wollte SpaceX absichtlich wieder absteigen lassen, um Erfahrungen mit dem Wiedereintritt in die Atmosphäre und der damit verbundenen Zerstörung zu sammeln.

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Aus gutem Grund: Experten erwarten, dass die SpaceX-Satelliten wegen des niedrigen Orbits nur eine geringe Lebensdauer von vielleicht fünf Jahren haben. Der Betreiber müsste daher laufend für Ersatz sorgen und im Abstand von wenigen Wochen neue Raketen mit Nachschub ins All schießen.

Diese ursprünglich 60 Satelliten sind jedoch erst der Anfang – Elon Musk plant mit insgesamt bis zu 12.000 dieser Internet-Satelliten, die in den kommenden Jahren den blauen Planten umkreisen sollen. Schon nach dem zwölften Start der Trägerrakete soll eine konstante Internetabdeckung für den größten Teil der Erde möglich sein, die erste Serie reicht bislang nur für einen Testbetrieb in Teilen der USA. Wenn Musk alle Satelliten oben hat – aufgrund regulatorischer Vorgaben muss der Aufbau bis November 2027 abgeschlossen sein – rechnet er mit Einnahmen von rund drei Millionen Dollar pro Jahr. Über die Kosten hält er sich indes bedeckt.

SpaceX ist nicht die einzige Firma, die Internet aus den Weiten des Universums anbieten möchte, auch die Europäer mischen bei diesem lukrativen Geschäft mit: So brachte das Unternehmen OneWeb schon im Februar 2019 erste Internet-Satelliten auf die Umlaufbahnen, hier sollen schon ungefähr 600 künstliche Trabanten für eine Netzabdeckung sorgen. OneWeb-Betreiber ist Arianespace, ein Gemeinschaftsunternehmen des europäischen Luft- und Raumfahrtunternehmens Airbus Group und des französischen Konzerns Safran. 2021 stehen die ersten kommerziellen Internetverbindungen, hofft OneWeb. Das Unternehmen nutzt russische Sojus-Rakten, die vom Arianespace-Weltraumbahnhof in Äquatornähe bei Kourou, Französisch-Guyana, und vom kasachischen Baikonur abheben. Zu den Investoren des Zwei-Milliarden-Dollar-Projekts gehören neben Airbus auch der Getränkeriese Coca-Cola und die Virgin Group des britischen Milliardärs Richard Branson.

Die Freude über eine in absehbarer Zeit flächendeckende Internetverbindung wird allerdings im wahrsten Sinne des Wortes getrübt: Denn zu den in einer Sommernacht rund 450 natürlich sichtbaren Sternen am Himmel kommen nun Hunderte weitere, menschgemachte, hinzu. So sollen die ersten der Starlink-Satelliten schon mit bloßem Auge hell am Nachthimmel über verschiedenen Orten der Erde zu sehen sein. Sie leuchten zwar nicht selbst, werden auf ihrem Weg hoch über der Erde aber von der Sonne angestrahlt und reflektieren dieses Licht auf die Erde.

Ein weiterer Kritikpunkt gegenüber der Flut neuer Satelliten ist die damit verbundene Zunahme von Weltraumschrott. Schon heute stuft die NASA über 20.000 Objekte als extrem gefährlich ein, die um die Erde kreisen und einen Durchmesser von mindestens 10 Zentimetern haben. Diese Teile von alten Raumschiffen, Raketenstufen oder defekten Satelliten erreichen eine Geschwindigkeit von bis zu 28.000 Stundenkilometer – ein Crash könnte verehrende Folgen nicht nur für die ständig bemannte Internationale Raumstation ISS oder aktive Raumschiffe, sondern natürlich auch für die Internetsatelliten selbst haben. Dem will SpaceX vorbeugen: Bereits im Frühjahr 2018 hat das Unternehmen testweise eine „Fangmaschine“ in den Weltraum geschossen, mit dem nicht mehr funktionierende Satelliten wieder eingefangen werden sollen.

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Text von Behrend Oldenburg
Fotos: SpaceX