Innovation, Kollaboration, Disruption: Die Zukunft der Luftfrachtbranche

Die Frage lautet nicht, ob etablierte Unternehmen aus Transport und Logistik von disruptiven Entwicklungen betroffen sein werden, sondern wann, wie und mit welchen Folgen. So brachte es Wolfgang Lehmacher, beim Weltwirtschaftsforum verantwortlich für Supply Chain und Transport, in seiner Keynote beim Frankfurt Air Cargo Innovation Lab 2017 auf den Punkt.

Welche Trends und Technologien sind es, die dabei die Rolle der traditionellen Logistik und ihrer Akteure in der Wertschöpfungskette verändern? Nahezu zwei Drittel der rund 100 Teilnehmer waren sich in der zweiten Auflage der Gemeinschaftsveranstaltung der Fraport AG und der DVV Media Group bei einer Live-Abstimmung einig, dass die Bereiche Big Data, E-Docs, Blockchain, Internet der Dinge (IoT) sowie Cloud- und Online-Services den größten Einfluss auf die Luftfrachtbranche haben werden. Doch auch der boomende E-Commerce sei ein Treiber und zugleich ein Risiko für den Air Cargo-Markt, betonte Jeremy Salomon von der International Air Transport Association (IATA) in seiner Keynote zum Thema Innovationen und Wirtschaft. „Wir müssen Schritt halten und gemeinsam innovativ sein“, lautete sein eindringlicher Appell angesichts einer Entwicklung, die er als „letzten Weckruf“ für die Luftfrachtbranche bezeichnete. So sei Amazon innerhalb eines Zeitraums von nur einem Jahr von einem Internethändler zu einem Air Cargo-Operator mit eigener Flotte und bald einem eigenen Hub geworden. „Die Veranstaltung hat überdeutlich gezeigt, dass neue Player mit ihren Geschäftsmodellen die Luftfrachtbranche nachhaltig verändern werden“, resümiert Felix Kreutel, der seit dem 1. Oktober 2017 den Bereich Cargo bei Fraport leitet. „Umso wichtiger ist es, dass wir uns diesen öffnen und gemeinsam Strategien überlegen, wie wir von dieser Entwicklung profitieren können.“

According to you, which one of these 7 groups do you think will impact our industry the most and represent the biggest challenge to our cargo industry in the future?
  • 63.8 % – Group 1: Big Data, e-docs, Blockchain, IoT, Cloud, Online services
  • 8.5 % – Group 2: AI & Cognitive, Robots, Augmented reality, Virtual reality
  • 2.1 % – Group 3: Smart Tates, Wearables for animals
  • 0 % – Group 4: Screening, Biometrics
  • 10.6 % – Group 5: Drones, Airships
  • 8.5 % – Group 6: 3D Printing
  • 6.4 % – Group 7: Cyber Security

Geschäftsmodelle müssen weiterentwickelt oder verändert werden

Dr. Carsten Dreher von der Freien Universität Berlin zeigte an den Beispielen IBM, Daimler-Chrysler und Electronic Arts, dass Unternehmen auch etablierte Geschäftsmodelle erfolgreich an neue Marktentwicklungen anpassen können. Für den Professor für Innovationsmanagement ein Beleg dafür, „dass auch Elefanten noch das Tanzen lernen könnten“. Disruptiv sei immer nur das, was man selbst nicht könne – was zu einer weiteren zentralen Erkenntnis des Frankfurt Air Cargo Innovation Lab 2017 führt: Innovationen kommen meist von außen, nicht von innen. Für Ari Kestin vom norwegischen Start-up Nimber, das eine Online-Plattform für kollaborative Lieferservices betreibt, müssen Unternehmen aus der Luftfrachtbranche daher über den Tellerrand und nicht nur auf ihre eigenen Strukturen schauen – und nötigenfalls ihr Geschäftsmodell überdenken. In diesem Zusammenhang betonte Marcel Frings von Saloodo!, dass Plattformen Dynamik in den Markt bringen würden. Aus Disruption, der Zerstörung des eigenen Geschäftsmodells, werde Evolution, eine Weiterentwicklung des eigenen Ansatzes, sagte der CCO des neuen Frachtmarktplatzes von DHL.

„Wir sind noch nicht da, wo wir sein wollen“, konstatierte Dr. Anselm Eggert von Lufthansa Cargo mit Blick auf die Air Cargo-Branche und nannte den elektronischen Luftfrachtbrief als Beispiel. Während dieser noch immer auf sich warten lasse, sei das E-Ticket im Passagebereich längst selbstverständlich. „Was bei uns teilweise Wochen oder Monate dauern würde, ist für Start-ups eine Frage von wenigen Tagen“, fügte er hinzu. FIEGE-Repräsentant Völlnagel sieht Start-ups daher als „erweiterte Werkbank“. Es sei wichtig, zu kollaborieren und nötigenfalls auch mit Konkurrenten zusammenzuarbeiten, um so innovative Geschäftsmodelle voranzutreiben. Für Thomas Blank, CEO von Kerry Logistics, sind Plattform-Lösungen neuer Marktteilnehmer eher nur Zusatzoptionen zu bereits bestehenden Geschäftsmodellen, die diese in den nächsten zehn Jahren nicht gänzlich überflüssig machen würden.

Virtual Reality-Lösung für die Praxis: „Ramp VR“ der IATA reproduziert die Arbeitsbedingungen von Ramp Agents präzise und verbessert die Trainingsbedingungen, indem störende Einflüsse von außen eliminiert werden.

Ein weiteres Highlight beim Frankfurt Air Cargo Innovation Lab 2017 war die Tech-Stage. Hier konnten die Teilnehmer die neuesten Technologien und Innovationen wie Drohnen und VR-Brillen hautnah erleben und testen. Wie Drohnen Lkw-Fahrer beim Fahrzeughandling in Distributionszentren unterstützen können, zeigte Karel Kural von HAN Automotive Research. Ausprobiert werden konnte auch die „Ramp VR“-Brille, eine Virtual Reality-Lösung, die die IATA zu Trainingszwecken im Bereich Ground Operations einsetzt. Wie der Luftfracht-Flughafen der Zukunft aussehen könnte, skizzierte Dr. Ralf-Maximilian Jungkunz vom Fraunhofer IML: So könnten bereits in den nächsten fünf bis zehn Jahren autonome E-Lkw Waren am Airport anliefern, die dann durch fahrerlose Transportsysteme weitertransportiert würden.

Kollaboration war auch hier das Stichwort: Denn laut Dr. Jungkunz würde der Roboter den Menschen nicht ersetzen, sondern ihn wie ein „Butler“ lediglich bei seiner Arbeit unterstützen. Zumindest in den nächsten zehn Jahren.

Drei Fragen an Wolfgang Lehmacher

Director, Head of Supply Chain and Transport Industries des ‎World Economic Forum

Warum sind Städte wie San Francisco, Boston, Singapur und London führend bei der Entwicklung innovativer logistischer Produkte und Services?
Weil dort die Politik Technologie und Innovation zum politischen Schwerpunkt macht. Sie sind Kern der langfristigen Strategien und werden von der Regierung in Programmen und Gesetzgebung gefördert. Ein wichtiger Faktor in diesem Zusammenhang ist die „Landeskultur“: Unterstützt diese die industriellen Aktivitäten und Tests, oder steht die Bevölkerung diesen kritisch gegenüber? Ein weiterer Punkt ist das Bildungs- und Ausbildungssystem: San Francisco, Boston, Singapur und London verfügen über Institutionen mit Weltruf – diese werden auch von der Wirtschaft unterstützt. Nahezu alle Hochburgen der Innovation haben mit 20 bis 50 Prozent einen hohen Immigrantenanteil in der Bevölkerung. Damit sich die gut ausgebildeten Menschen mit den verschiedensten Sichtweisen und Ansätzen, die sie aus den vielen Orten der Welt mitbringen, auch kreativ austauschen können, bedarf es einer guten, insbesondere digitalen Infrastruktur.

Was können wir in Deutschland von diesen Standorten lernen und wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?
Deutschland ist gründlich und konservativ. Diese Werte werden überall in der Welt geschätzt. Sie sind der Verlässlichkeit und Qualität zuträglich, aber nicht der Innovation. Dennoch können wir von den führenden Innovationsstandorten lernen. Wichtig ist hier zu erwähnen, dass es in der Regel Städte und nicht die Länder sind, die Innovation fördern: Städte haben mehr Spiel- und Freiraum. Zunächst bedarf es einer guten Lenkung durch die Stadtregierung. Dies umfasst Klarheit, Mut und Einsatz. Der Bevölkerung sind die Vorteile der Innovation zu erklären. Die Strukturen sind zu straffen. Es sollte nicht möglich sein, dass für kleine Pilotprojekte monatelange Gespräche geführt und mehr als zehn Genehmigungen eingeholt werden müssen – wie ich dies bei einigen Projekten erfahren musste. Wir müssen das Bildungssystem stärken – die Wirtschaft könnte sich dabei mehr engagieren. Innovation braucht Kapital: Dieses könnte von Seiten der Regierungen in größerem Umfang bereitgestellt und Unternehmen für die Förderung von Start-ups Steuererleichterungen zugestanden werden. Die Infrastruktur ist kontinuierlich auszubauen.

Beim Frankfurt Air Cargo Innovation Lab wurden Online-Marktplätze, Sharing Economy-Modelle und Datenplattformen zum Informationsaustausch diskutiert. Welcher Ansatz wird nach Ihrer Einschätzung die Luftfrachtbranche am ehesten disruptiv verändern?
Aus meiner Sicht sind Online-Marktplätze die größte potenzielle disruptive Kraft in der Luftfracht. Diese können von Start-ups oder durch Logistikunternehmen, die sich selber neu erfinden, geschaffen werden. Die Besonderheit der Online-Marktplätze oder E-Commerce-Plattformen liegt im Plattformeffekt, der die Entwicklung von Monopolen forciert. Dadurch gewinnen die führenden Plattformen eine große Marktmacht, die dann den Lieferanten, zu denen ich auch die Luftfrachtbranche zähle, das Leben erschwert. Fluggesellschaften können dies verhindern, indem sie selber den Online-Marktplatz als strategisches Werkzeug einsetzen. Damit stehen ihnen erhebliche Wachstumspotenziale offen.

Text von Benjamin Klare
Fotos: Tim Wegner, World Economic Forum
Grafik: VoxVote

Here you can download the list of participants and the presentations of the speakers as a PDF file.
(Please note that we are not allowed to publish all presentations)

Innovation and the economy
Jeremy Salomon, IATA Manager, Regional Communications & Regional Affairs Europe

Leapfrog yourself or being leapfrogged –
Cornerstones for successful innovation management by established companies

Professor Dr. Carsten Dreher, Professor for Innovation Management, Freie Universität Berlin

Pitch with innovators: Let’s talk future
Murat Karakaya, Chief Marketing Officer, Cargosteps
Ari Kestin, CEO, Nimber
Johanna Bellenberg, Director Marketing & Communications, Picavi

Which country is leading the charge in logistics innovations?
Wolfgang Lehmacher, Director Supply Chain and Transport, World Economic Forum

Platforms create dynamism and added value! Or are they just destroying traditional business models?
Dr. Philip von Mecklenburg-Blumenthal, Senior Director Marketplace, Freightos
Marcel Frings, CCO, Saloodo!
Dolores Pellegrino, Project Manager, Bosch Service Solutions

Innovation showcase/techstage
Short presentation of tech innovations from:
Roger Hillen-Pasedag, Director Strategy, Innovation & CR, Hermes Germany
Karel Kural Msc, M.Eng Research Engineer, HAN Automotive Research
Kim Kian Wee, Assistant Director APCS Training and Innovation, IATA
Dr. Ralf-Maximilian Jungkunz, Head of department aviation logistics, Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML

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