Digitalisierung der Luftfrachtbranche nimmt langsam Fahrt auf

Auch in der Luftfrachtbranche gewinnen digitale Plattformen zunehmend an Bedeutung. Das wurde am 8. November 2018 beim Frankfurt Air Cargo Innovation Lab am Frankfurter Flughafen deutlich. Die Veranstaltung wurde bereits zum dritten Mal vom Flughafenbetreiber Fraport in Zusammenarbeit mit der DVV Media Group und Air Cargo News organisiert.

Europas führender Air Cargo Hub treibt die Digitalisierung von Luftfrachtprozessen selbst aktiv voran: Gemeinsam mit DAKOSY hat Fraport das neue Versenderportal INFr8 für alle Beteiligten der Luftfrachtkette entwickelt, das erstmals die digitale Gefahrgutdeklaration (eDGD) ermöglicht. Prozesse zu vereinfachen und zu beschleunigen ist auch das Ziel des Berliner Start-ups cargo.one mit seiner gleichnamigen Buchungsplattform für Luftfracht. Über das Web-basierte und Airline-übergreifende Spotmarkt-Angebot buchen bereits mehr als 70 Spediteure, berichtete Oliver Neumann, einer der Gründer von cargo.one. Der gesamte Buchungsprozess inklusive sofortiger Auftragsbestätigung dauere lediglich zwei Minuten.

Impulse für Investitionsentscheidungen in die Digitalisierung

„Innovation ist kein technologisches, sondern eher ein Mindset-Problem“, sagte Neumann. An digitalen Tools, die implementiert werden können, mangelt es nicht – die Frage ist nur, welche sich tatsächlich auch dafür eignen, bestimmte Unternehmensprozesse oder Dienstleistungen zu verbessern. Insbesondere Logistikunternehmen wären bei entsprechenden Investitionsentscheidungen oft unsicher: „Für die meisten Menschen ist die Digitalisierung wie ein Werkzeugkasten: Da sind viele Dinge drin, aber keiner weiß genau, was er damit anfangen soll“, sagte Prof. Christian Kille vom Institut für Angewandte Logistik an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Abhilfe schaffen sollen die Ergebnisse der Studie „Digitalisierungswerkzeuge in der Logistik: Einsatzpotenziale, Reifegrad und Wertbeitrag“, die den Status Quo beschreibt und Impulse für Investitionsentscheidungen in die Digitalisierung liefern soll. „Nicht jedes Unternehmen kann zu einem digitalen Unternehmen werden, aber jedes Unternehmen kann digitale Tools nutzen“, erklärte Kille, der zu den Verfassern der Studie zählt. Für jedes Unternehmen gebe es ein geeignetes Digitalisierungswerkzeug.

Nicht digital, sondern immer noch in Papierform sind 45 Prozent aller Air Waybills (AWB). Boris Hueske, Head of Digital Transformation bei Lufthansa Cargo, beklagte, dass Sendungsdaten nach „jahrzehntelangen Diskussionen“ auch heute noch nicht in ausreichendem Maße in digitaler und somit transparenter Form (Electronic Air Waybill, e-AWB) verfügbar seien. Weg vom Papier, hin zu den Daten – für effizientere und transparentere Prozesse in der Luftfrachtindustrie machte sich auch Fraport-Manager Felix Kreutel beim Frankfurt Air Cargo Innovation Lab stark. Es sei allerdings wahrscheinlich, dass Branchengrößen eher eigene als die erforderlichen kollaborativen Ansätze verfolgen würden. „Wir müssen es besser machen. Zusammen“, sagte Cargonaut-CEO Nanne Onland, der die Vernetzung und den Austausch von Daten in der Logistik vorantreiben will.

„America First“ gefährdet globale Supply Chains

Um das Mit- und Gegeneinander auf globaler Ebene ging es in der Keynote von Folker Hellmeyer, Chief Analyst bei SOLVECON INVEST. Unter dem Titel „Changes and risks for worldwide business – Competition of cultures“ sprach der Finanzexperte über geopolitische Risiken wie die „America First“-Politik, die Lieferketten weltweit gefährde, sowie die Neue Seidenstraße-Initiative Chinas, die in Europa nicht länger ignoriert werden dürfte. Vielmehr müsse die Staatengemeinschaft versuchen, selbst von den neuen Handelskorridoren zu profitieren.

Zur angestrebten Reduktion von CO2-Emissionen in der Luftfahrt beitragen können innovative Antriebssysteme, die keine Treibhausgase ausstoßen. Der Flugzeugbauer Airbus ist für seinen neuartigen, mit Wasserstoff betriebenen Brennstoffzellen-Demonstrator H2T (Hydrogen to Torque) mit dem diesjährigen Innovationspreis der Deutschen Luftfahrt ausgezeichnet worden. Barnaby Law, Program Director Hydrogen and Fuel Cell von Airbus, stellte die Funktionsweise des in der Kategorie „Emissionsreduktion“ prämierten Systems vor. Künftig könnte es das bisher mit Kerosin betriebene Hilfstriebwerk im Flugzeugheck ersetzen.

Um dem Klimawandel entgegenzutreten, hat die IATA eine Reihe ehrgeiziger Ziele zur Minderung der CO2-Emissionen festgelegt. So soll der Luftverkehr vom Jahr 2020 an klimaneutral wachsen, CO2-Emissionen sollen bis 2050 um 50 Prozent reduziert werden. Dies sei eine ziemliche Herausforderung für die Air Cargo-Branche, sagte Prof. Alan McKinnon von der Kühne Logistics University, zumal Kerosin frühestens im Jahr 2040 durch Biofuels ersetzt werde könne. Fortsetzen dürfte sich auch das exponentielle Wachstum in der Luftfracht, das seit 2010 auch vom E-Commerce-Boom und anziehenden grenzüberschreitenden Handel getrieben wird.

JD.com kooperiert mit chinesischer Airline

Globale Onlinehändler würden auch im Luftfrachtmarkt zunehmend als Disruptoren auftreten. Während Alibaba unlängst angekündigt hatte, nicht weniger als das weltweit effizienteste Logistiknetz aufbauen zu wollen, wandelt JD.com nun auf den Spuren des US-Konkurrenten Amazon: Der chinesische Onlinehändler ist eine Kooperation mit der Cargosparte von Tianjin Airlines eingegangen. Am 6. November 2018 wurde der erste Boeing 737-Frachter mit JD-Logistics-Logo gesichtet.

Text von Benjamin Klare
Fotos: Andreas Henn

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