Cargo sous terrain will Gütertransport unter die Erde verlegen

Mit dem 2016 fertiggestellten und 57 Kilometer langen Gotthard-Basistunnel verfügt die Schweiz schon heute über den längsten Tunnel der Welt. In zwei parallel verlaufenden Röhren verkehren hauptsächlich Güterzüge, die jährlich etwa 40 Millionen Tonnen Waren durch das Felsmassiv transportieren. Mit Cargo sous terrain (CST) wollen die Eidgenossen nun erneut logistischer Vorreiter sein und den Güterverkehr des Landes in großem Maßstab unter die Erde verlegen – von Genf bis St. Gallen und von Basel bis Luzern soll ein unterirdisches Tunnelsystem mit einer Gesamtlänge von 450 Kilometern entstehen. 2030 soll das erste Teilstück in Betrieb genommen werden.

Menschen oberirdisch, Güter unterirdisch. So lautet das Konzept hinter dem innovativen Gütertransportsystem, das zunächst die Verkehrsinfrastruktur der Schweiz erweitern und mittelfristig die Logistikwelt auch über die Landesgrenzen hinaus verändern soll. Denn mit Cargo sous terrain soll in der Schweiz nicht weniger als ein völlig neuer Verkehrsweg entstehen, der ausschließlich dem Gütertransport vorbehalten ist und den knappen oberirdischen Straßen- und Schienenraum um bis zu 40 Prozent entlasten soll. Angesichts der Güterverkehrsprognosen, nach denen das Transportaufkommen in der Schweiz bis 2030 um bis zu 45 Prozent wächst, werden dringend Lösungen zum Auffangen der zunehmenden Verkehrsströme benötigt.

Cargo sous terrain: Vollautomatischer Gütertransport in dreispurigen Tunneln

Das Logistiksystem von Cargo sous terrain umfasst zwei Bestandteile: Zum einen den unterirdischen Transporttunnel, zum anderen eine effiziente, umweltfreundliche Feinverteilung von Gütern in den städtischen Zentren. Der Gütertransport soll folgendermaßen ablaufen: In dreispurigen Tunneln verkehren die mit Rädern ausgestatteten CST-Fahrzeuge im konstanten Tempo von 30 km/h. An insgesamt rund 80 verschiedenen Zugangspunkten, den sogenannten Hubs, werden Güter auf Paletten und in Behältern vollautomatisch in das System eingespeist oder diesem entnommen – beispielsweise Pakete, Stück- oder Schüttgüter. In den städtischen Zentren erfolgt die konsolidierte Zustellung der Waren schließlich oberirdisch mit umweltfreundlichen, leisen Fahrzeugen. Das CST-System ermöglicht besonders effiziente Touren, da die Waren bereits im Tunnel in die Reihenfolge der Auslieferung gebracht werden können.

Cargo sous terrain soll Industrie- und Logistikzentren in der Schweiz durch einen unterirdischen, sechs Meter breiten und sechs Meter hohen Tunnel mit den großen Städten verbinden. Der obere Tunnel in der Abbildung zeigt einen Querschnitt, der untere eine Draufsicht des identischen Streckenabschnitts. Zu transportierende Waren werden an der Quelle abgeholt (links oben im Bild) und durch das Tunnelsystem zu sogenannten City-Hubs an die Ränder von Ballungsgebieten gebracht (rechts oben). Ein Lift befördert die Transportfahrzeuge in den Tunnel und wieder hinaus. Auf der letzten Meile erfolgt die konsolidierte Auslieferung der Waren oberirdisch.

„Cargo sous terrain ist ein innovatives Gesamtlogistiksystem, welches die Industrie- und Logistikräume mit den großen Agglomerationen verbindet und umgekehrt – vollautomatisch und mit intelligenten, zukunftsorientierten Steuerungssystemen gekoppelt“, sagt Peter Sutterlüti, Verwaltungsratspräsident der Cargo sous terrain AG, an der zentrale Marktakteure wie Migros, Coop, Schweizerische Post, SBB Cargo und Rhenus Logistics beteiligt sind. Neuester Partner von Cargo sous terrain ist SAP: Der Marktführer für Unternehmenssoftware bringt sein Know-how in den Bereichen Internet of Things und digitale Plattformen in das Projekt ein. „Wir unterstützen dieses zukunftsweisende Projekt sehr gerne mit unseren IoT-Lösungen. Gemeinsam mit den Projektpartnern werden wir darüber hinaus an Innovationsthemen wie Machine Learning und Blockchain im Kontext der Logistik der Zukunft arbeiten“, erläutert Dr. Tanja Rückert, President IoT & Digital Supply Chain bei SAP.

Die Bauarbeiten für die erste, knapp 70 Kilometer lange CST-Teilstrecke von Härkingen-Niederbipp bis Zürich sollen 2023 beginnen. In den folgenden Jahren soll Cargo sous terrain stufenweise ausgebaut werden. Die Kosten für das Projekt werden auf 33 Milliarden Schweizer Franken (umgerechnet rund 29 Milliarden Euro) geschätzt.

Text von Benjamin Klare
Abbildungen: Cargo sous terrain

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