Boeing eröffnet Digital Aviation & Analytics Lab Frankfurt

In einer großen Halle, in der früher Navigationskarten für die Luftfahrt gedruckt wurden, hat der US-Flugzeugbauer Boeing das Digital Aviation & Analytics Lab Frankfurt eröffnet. Hier, in Neu-Isenburg bei Frankfurt, erforschen jetzt bis zu 60 Experten, wie sich der Flugbetrieb weiter digitalisieren lässt, testen neue Steuersysteme für Drohnen oder machen sich Gedanken, wie eine komplett digitalisierte Kabine zur Marktreife geführt werden kann.

Der Blick auf die Luftfahrtkarte aus Papier gehört für die meisten Cockpit-Crews der Vergangenheit an. Die Folge: Die Druckerei des weltweit ersten Luftfahrtkartenverlages Jeppesen wurde nicht mehr gebraucht und stillgelegt. Jeppesen, mittlerweile eine Boeing-Tochter, konzentriert sich heute ganz auf die digitale Navigation und die Entwicklung elektronischer Cockpit-Assistenzsysteme. Seit mittlerweile 60 Jahren ist Jeppesen in Deutschland aktiv, mit seinen 450 Mitarbeitern ist der Navigationsspezialist dem Standort Neu-Isenburg in der Nähe des Frankfurter Flughafens treu geblieben. Nur für die mittlerweile leergeräumte, luftige Druck- und Distributionshalle hatte das Unternehmen keine Verwendung mehr. Boeing hat das räumliche Potenzial jedoch schnell erkannt. Und so wurde Neu-Isenburg zur jüngsten Forschungs- und Entwicklungseinrichtung im Digital Aviation & Analytics-Netzwerk von Boeing mit Standorten in Göteborg, Danzig, Denver und Vancouver.

Der Luftfahrtkonzern befindet sich im rasanten Wandel vom Flugzeugbauer zu einem umfassenden Service-Unternehmen in der Luftfahrt. Erst im Juli 2017 gründete der US-Konzern den Geschäftsbereich Boeing Global Services, der die weit verzweigten Dienstleistungssparten zusammenführen und den Austausch mit anderen Forschungszentren ermöglichen soll.

Sie eröffneten gemeinsam das neue Digital Aviation & Analytics Lab Frankfurt bei schon laufendem Betrieb (von links): Jürgen Otte (Managing Director Boeing CAS Holding GmbH), Sir Michael Arthur (President Boeing Europe), Dr. Michael Haidinger (President Boeing Deutschland), Marc Allen (President Boeing International und Mitglied des Boeing Executive Council), Dr. Jens Schiefele (Director Research & Rapid Development) und Bernd Bührmann-Montigny (Managing Director Jeppesen GmbH)

„Die Luftfahrt steht an der Schwelle zu einer radikalen Veränderung, die durch Digitalisierung, unbemannte Flugsysteme und Reduced Crew Requirements getrieben wird“, erklärte Dr. Jens Schiefele den Gästen auf der Einweihungsfeier. Er ist Director Research & Rapid Development bei Boeing. Mit der neuen Einrichtung wolle Boeing seinen Kunden aus der Luft- und Raumfahrt kostengünstige und effiziente Services anbieten, sie bei der Digitalisierung, Vernetzung und Optimierung unterstützen und so die Zukunft der Luftfahrtindustrie mitgestalten.

Welche Bedeutung der Begriff „Rapid Development“ im Jobtitel von Schiefele hat, wird bei einem Blick in die umgewandelte Halle und auf die Arbeitsweise der Spezialisten sofort deutlich: Beim Bezug der Halle musste es schnell gehen, Besprechungsräume beispielsweise wurden erst nachträglich und bei laufendem Betrieb eingebaut, Improvisation steht hoch im Kurs. Statt aufwändiger, professioneller Flugsimulatoren finden sich PC-Joysticks und Microsofts Flight Simulator X auf den Schreibtischen. Auch bei der Umsetzung der Projekte steht Schnelligkeit für die Ingenieure, Computer- und Datenbankexperten, Schnittstellen-Designer und alle anderen Mitarbeiter ganz oben auf der Tagesordnung: Der Zeitaufwand für die Entwicklung neuer Produkte soll drastisch reduziert werden, ist er doch gerade bei Großkonzernen wie Boeing ein langwieriger und teurer Prozess, betont Schiefele: „Es sind nämlich nicht die Entwicklungen selbst, die viel Zeit verschlingen, sondern die starren Verfahren, die uns aufhalten. Und das wollen wir hier ändern.“

Die aktuellen Forschungsprojekte im „Digital Aviation & Analytics Lab Frankfurt“

  • Analytik: Vorhandene Daten aus dem Flugbetrieb sollen besser ausgewertet und verknüpft werden.
  • Drohnen: Um die Steuerung von Drohnen zu optimieren, wird ein Testflugbetrieb für die Hauspost eingerichtet.
  • Reduced Crew Operations: Entwicklung eines Cockpits mit reduzierter Besatzung bzw. nur einem aktiven Piloten, während der zweite Pilot in der Ruhekoje schläft.
  • Smarte Flugzeugkabine: Im Mock-Up einer Boeing 787 wird untersucht, wie viele Einzelteile in der Kabine per RFID-Chip erfasst und überwacht werden können. Dazu gehören beispielsweise die Vollzähligkeit von Schwimmwesten und deren Ausstattung mit funktionsfähigen Druckluftkartuschen.

Text von Behrend Oldenburg
Fotos: Boeing/Patrick Rodwell

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