Auf dem Weg zum Google der Lüfte

Flugzeug Airbus A320 im Flug

Während Airbus sein Flaggschiff, das Großraumflugzeug A 380, zum Auslaufmodell deklariert hat, nimmt ein anderes Geschäftsmodell des europäischen Flugzeugbauers kräftig Fahrt auf. Mit dem Auf- und Ausbau seiner digitalen Plattform Skywise wandelt sich das Unternehmen zum Datenkonzern.

Noch besteht das Hauptgeschäft von Airbus darin, Rumpfsegmente, Tragflächen, Triebwerke, Sitze und jede Menge Elektronik zu Flugzeugen und Hubschraubern zusammenzubauen. Doch so beeindruckend die Wachstumsraten in diesem traditionellen Business, trotz des beschlossenen Endes des A 380, auch sind: Skywise wächst deutlich schneller. Schon zu Beginn, als die Plattform vor rund eineinhalb Jahren auf den Markt kam, machte ein knappes Dutzend Fluggesellschaften mit. Heute sind es nach Angaben von Marc Fontaine schon über 30 Carrier mit mehr als 3000 Jets. Damit gibt sich der Digital Transformation Officer (DTO) bei Airbus aber noch lange nicht zufrieden: „Wir denken, dass wir Ende 2019 etwa 60 bis 70 Prozent der weltweit fliegenden Flotte auf der Plattform haben werden.“ Rund 23.500 Passagierflugzeuge sind aktuell rund um den Globus unterwegs, die meisten davon, rund 40 Prozent, hat allerdings der größte Airbus-Konkurrent Boeing gebaut.

Airbus Flugzeug Bau

Doch was macht die Datenplattform für Airbus, Airlines, aber auch immer mehr Zulieferer wie beispielsweise Triebwerkshersteller, so interessant? Skywise analysiert Daten, die während des Flugbetriebs gesammelt werden. Experten schätzen, dass im Schnitt ein Terabyte Daten pro Flugstunde anfallen. Durch ihre Auswertung können eine vorbeugende (prädiktive) Wartung und Instandhaltung des Fluggeräts zum optimalen Zeitpunkt erfolgen, was die Ausfallzeiten so gering wie möglich und damit die Betriebskosten am Boden hält. Doch das war erst der Anfang. Schnell erkannten die Digitalspezialisten bei Airbus, dass da noch viel mehr geht: Heute hilft Skywise, neue Flugzeuge zu designen, zu bauen und zu betreiben. Vorläuferversionen der Datenplattform sorgten mit Millionen wertvoller Informationen dafür, die neuen Airbus-Modelle A 350 und A 320 neo erfolgreich in die Luft zu bringen.

Für Marc Fontaine ist die Skywise-Plattform die Antwort von Airbus auf Datensammler wie Google. „Allerdings wollen wir das Rad nicht neu erfinden und Google kopieren“, stellt er in einem Beitrag der deutschen Wirtschaftszeitung „Handelsblatt“ klar. „Unser Ziel ist es, die wichtigsten Applikationen und die Architektur der Plattform zu kontrollieren.“ Dazu hat sich der Flugzeugbauer Verstärkung an Bord geholt und kooperiert bei der Datenanalyse mit dem US-Spezialisten Palantir Technologies. Das IT-Unternehmen hat Niederlassungen in Frankreich und Deutschland gegründet und betreibt hier auch seine Server. „So bleiben die Talente, die an Skywise arbeiten, in Europa.“ Airbus hat zudem 400 neue Mitarbeiter eingestellt, die sich ausschließlich um den Ausbau und die Pflege von Skywise kümmern.

Marc Fontaine, Digital Transformation Officer (DTO) bei Airbus

„EASYJET HAT DURCH DIE EINFÜHRUNG DER VORAUSSCHAUENDEN WARTUNG MIT SKYWISE SEINE AUSFALLZEITEN UM 20 PROZENT GESENKT.“

MARC FONTAINE, DIGITAL TRANSFORMATION OFFICER (DTO) BEI AIRBUS

Auch Boeing hat den Datenmarkt längst – und sogar noch vor Airbus – entdeckt. Das Produkt der Amerikaner heißt „AnalytX“ und soll, aufgesplittet in drei Lösungen, den Fluggesellschaften nicht nur bei den vorausschauenden Wartungsarbeiten helfen, sondern auch den Einsatz von Crews und die für den Flugbetrieb nötige Logistik optimieren. Diese IT-Lösungen, die Boeing auch als Apps anbietet, sind kostenpflichtig und werden derzeit von rund 100 Airlines mit 5000 Flugzeugen genutzt.

„Skywise selbst ist vollkommen gratis“, sagt Fontaine, „wir wollen schließlich Daten für jeden Nutzer frei verfügbar machen und sie teilen.“ Daher hofft er auch auf viele Teilnehmer mit Boeing-Flotten, deren Daten man ebenfalls problemlos über Schnittstellen nutzen könne. Alle zugänglichen Informationen seien jedoch anonymisiert. Lediglich einige Anwendungen, die mit Skywise-Daten arbeiten, lässt sich Airbus wie sein Konkurrent Boeing von den Fluggesellschaften bezahlen. Dazu gehört auch der Lowcost-Carrier Easyjet, der seine Ausfallzeiten „um 20 Prozent durch die Einführung der vorausschauenden Wartung senken konnte“, berichtet Fontaine stolz.

Flugzeug Air New Zealand

Auch bei der Verminderung des Treibstoffverbrauchs helfen die Skywise-Daten: Beim Tanken müssen die Fluggesellschaften nicht mehr mit üppig bemessenen Durchschnittswerten arbeiten, sondern orientieren sich jetzt an den ermittelten, realen Verbrauchswerten, abhängig von Triebwerkstyp und Flugregion. „Heute sind einige Kunden mit so wenig Treibstoff unterwegs, dass man früher befürchtet hätte, sie kämen nie an.“

Doch genau wie bei Google kommen auch immer mehr Skywise-Nutzer ins Grübeln, was die Nutzung ihrer Daten angeht. Allen voran die Lufthansa: „Die Pläne von Airbus halte ich für sehr problematisch“, sagt der Vorstandvorsitzende der Lufthansa Technik AG, Dr. Johannes Bußmann. Er sieht die Gefahr eines Datenmonopols, bei dem am Ende die Transparenz fehle – und die Unabhängigkeit der Airlines auf dem Spiel stehe. Ihm geht es aber auch ums eigene Geschäft. Denn längst hat Lufthansa Technik ebenfalls das lukrative Geschäft mit den Daten entdeckt und einen eigenen „Aviation Data Hub“ aufgebaut. Der wichtigste Unterschied zu Skywise: „Unsere Kunden können ihre Daten bei uns hinterlegen, aber selbst entscheiden, wer was damit macht. Es soll ein offenes System sein. Wir können uns sogar vorstellen, dass sich die Airlines daran beteiligen.“

Noch ist das Rennen um die Datenhoheit über den Wolken also völlig offen.

Text von Behrend Oldenburg
Fotos, Grafik und Video von Airbus