Auch aus der Ferne alles im Blick

Nach mehreren Forschungs- und Entwicklungsprogrammen ist es soweit: Der erste „Remote Tower“ in Leipzig ermöglicht den Fluglotsen die Fernsteuerung des Flughafens Saarbrücken – weitere sollen folgen.
Noch gehört das Fernglas zur unverzichtbaren Standardausrüstung in jedem Airport-Tower. Nicht mehr jedoch am internationalen Flughafen Saarbrücken. Seit gut einem halben Jahr wird hier der tägliche Betrieb aus der Ferne überwacht, und zwar vom 450 Kilometer entfernten Leipzig aus, wo die DFS Deutsche Flugsicherung GmbH ihr Remote-Tower-Control-Center auf dem Flughafengelände betreibt. Von hier aus haben die Fluglotsen den Verkehr in Saarbrücken in der Luft und am Boden fest im Blick – ganz ohne direkten Blick aus dem Fenster. Statt durch das klassische Fernglas schauen sie auf eine Vielzahl von Monitoren, die ihre Bilder von hochauflösenden Video- und Infrarotkameras erhalten. Nach Angaben der DFS ist Saarbrücken aktuell der weltweit größte Flughafen, der im Tagesbetrieb aus der Ferne überwacht wird. Nach einer nur vierwöchigen Einführungsphase wurde das Remote-Tower-Control-Center zum Jahreswechsel 2018/2019 in den Regelbetrieb überführt.

Ein Verbund aus mehreren Kameras liefert den Lotsen ein 360-Grad-Panoramabild, den Bildausschnitt können sie frei wählen. Die Kameras in Saarbrücken sind zu einem großen Teil schwenk- und neigbar und per Zoom können auch weiter entfernte Details auf die Bildschirme geholt werden.
Gerade die Infrarottechnik ermöglicht den Fluglotsen eine deutlich verbesserte Sicht auf das Vorfeld und die Start- und Landebahnen, vor allem bei Dunkelheit. Wertvolle Unterstützung liefert ihnen auch ein neues IT-System, das Remote-Tower-Control-System: Es erkennt automatisch alle Flug- und Rollbewegungen und hebt die Flugzeuge auf dem Boden und in der Luft optisch auf den Monitoren hervor. Startende und landende Flugzeuge lassen sich von den Kameras manuell oder automatisch verfolgen, alle optischen Systeme sind dabei aus Sicherheitsgründen redundant ausgelegt.

„Unser Remote-Tower-Control-System steht für Innovation und ist ein Beispiel für den Einsatz neuer digitaler Technologien im Bereich Luftverkehr“, erläutert Professor Klaus-Dieter Scheurle, Vorsitzender der DFS-Geschäftsführung. „Damit verbessern wir unsere Effizienz und erfüllen unverändert die hohen DFS-Sicherheitsanforderungen.“ Das System ist nach seinen Angaben weltweit einzigartig und „etabliert einen neuen Standard in der Remote-Tower-Technologie.“

Dass die Fluglotsen außerhalb des Towers keinen direkten Sichtkontakt zu den Flugzeugen haben, ist seit Jahrzehnten üblich. So überwacht die DFS die Flugbewegungen im gesamten deutschen Luftraum in den vier großen Kontrollzentren Langen, Bremen, München und Karlsruhe. „Dass wir nun auch die Starts und Landungen an den Flughäfen aus der Ferne kontrollieren, ist der logisch nächste Schritt“, so Professor Scheurle.

„Mit unserem System sind wir nun erstmals in der Lage, einen internationalen Flughafen rund um die Uhr von einem entfernten Standort aus zu kontrollieren.“

Professor Klaus-Dieter Scheurle,
Vorsitzender der DFS Deutsche Flugsicherung GmbH, Langen

Mit der Remote-Tower-Technologie will die DFS bei unverändert hohem Sicherheitsniveau nicht nur Kosten einsparen, sondern vor allem die Flexibilität des Lotseneinsatzes erhöhen: „Bislang war diese Lösung nur an sehr kleinen Flughäfen mit geringem Flugverkehrsaufkommen eine Option“, erklärt Professor Scheurle. „Mit unserem System sind wir nun erstmals in der Lage, einen internationalen Flughafen rund um die Uhr von einem entfernten Standort aus zu kontrollieren.“

Als Entwicklungspartner für das Remote-Tower-System fungierte das österreichische Technologieunternehmen Frequentis, die Video- und Infrarotsensoren steuerte der deutsche Konzern Rheinmetall Defence Electronics bei.

Nach einer Entwicklungszeit von vier Jahren startet jetzt die nationale und internationale Vermarktung: Die DFS-Tochter DFS Aviation Services GmbH und Frequentis haben dazu eine eigene Gesellschaft gegründet, die Frequentis DFS Aerosense GmbH.

Ein Jobkiller ist die Remote-Tower-Technologie übrigens nicht: Zehn Fluglotsen aus Saarbrücken sind nach Leipzig gewechselt. Nach den guten Erfahrungen mit Saarbrücken plant die DFS in den kommenden Jahren, auch die Kontrolle der Flughäfen in Erfurt und Dresden nach Leipzig zu verlagern. Eine entsprechende Ausbildung soll den Fluglotsen ermöglichen, mittelfristig eine Berechtigung für die Arbeit an allen drei Flughäfen zu erhalten.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR befasst sich ebenfalls intensiv mit der Fernüberwachung vor allem kleinerer Flughäfen und forscht dazu an einem neuartigen Multiple- Remote-Tower-Konzept. Auch hierbei soll der Fluglotse künftig nicht nur einen, sondern gleich mehrere Flughäfen aus der Ferne betreuen. Mit an Bord dieses Projektes sind 37 internationale Partner im Rahmen des EU-Forschungs- und Innovationsprogramms „Horizon 2020“.

„In komplexeren Verkehrssituationen können ein, zwei oder mehrere Lotsen einen Flughafen steuern, während in weniger intensiven Verkehrssituationen auch ein einziger Lotse für einen, zwei oder mehrere Flughäfen zuständig sein kann.“

Jörn Jakobi,
DLR-Projektkoordinator des europäischen Forschungsprojektes
„PJ05 Remote Tower for Multiple Airports“

„Die jüngsten Ergebnisse unserer Testkampagne haben gezeigt, dass ‚Multiple‘ in naher Zukunft zu einem tragfähigen Konzept werden kann“, ist Jörn Jakobi überzeugt. Er ist DLR-Projektkoordinator eines weiteren europäischen Forschungsprojekts mit dem Namen „PJ05 Remote Tower for Multiple Airports“. Die Forschung eröffne den Flugsicherungen den Weg zu einem Paradigmenwechsel, bei dem die Flugsicherung an Flughäfen entkoppelt vom Ort und von konventionellen Turmgebäuden stattfinden könne.

Um jedoch die Vorteile des Remote-Tower-Konzepts vollständig ausschöpfen zu können, müssten die Center an mehr als einen Flughafen angeschlossen sein, so Jakobi: „Das ermöglicht eine wesentlich effizientere Zuordnung von Flughäfen zu den Fluglotsen. Die Lotsen arbeiten flexibel an den Flughäfen, an denen auch Verkehr stattfindet. Bei komplexeren Verkehrssituationen können ein, zwei oder mehrere Lotsen einen Flughafen steuern, während in weniger intensiven Verkehrssituationen auch ein einziger Lotse für einen, zwei oder mehrere Flughäfen zuständig sein kann.“

Fotos und Videos von DFS und DLR
Text von Behrend Oldenburg